Pressestimmen

Quelle: https://www.bayern-evangelisch.de/wir-ueber-uns/konvent-kloster-heilsbronn-6393.php, abgerufen am 22.11.17:

„Wir sind uns bewusst, dass wir kein Kloster sind“

Konvent Kloster Heilsbronn

Das Münster ist das Herzstück des ehemaligen Zisterzienserklosters (1132-1578).

Bild: Evangelische Kirchengemeinde Heilsbronn

Prior Christian Schmidt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst über zehn Jahre Evangelischer Konvent Kloster Heilsbronn.

Im Herbst 2006 wurde im Westmittelfranken etwas ganz Besonderes aus der Taufe gehoben: eine neue geistliche Gemeinschaft. Unter der Leitung des damaligen Ansbach-Würzburger Regionalbischofs Christian Schmidt wurde der Evangelische Konvent Kloster Heilsbronn (EKKH) ins Leben gerufen. Ein Großteil der Mitglieder trifft sich seither wöchentlich jeden Freitag zu einer gemeinsamen Vesper im Heilsbronner Münster. Sie pflegen sozusagen aus evangelischer Perspektive zisterziensische Traditionen. Am Freitag, 17. November, feiert der Konvent mit einem Festgottesdienst um 17.30 Uhr sein zehnjähriges Bestehen.

Herr Schmidt, wie viele Mitglieder gehören den beiden Konventen der Kommunität inzwischen an?
Wir sind eine geistliche Gemeinschaft mit momentan 28 Mitgliedern, die sich auch nicht mehr auf zwei Konvente aufteilen wie zu Beginn. Die zwei Gruppen sind zu einer Gruppe mit unterschiedlichen Akzenten geworden. Es gibt also keinen getrennten Kloster- und keinen Münsterkonvent mehr.

Haben Sie vor zehn Jahren selbst daran geglaubt, dass dieses Projekt zehn Jahre überlebt?
Ja, selbstverständlich, sonst hätte ich das gar nicht angefangen. Etwas Geistliches braucht zudem Zeit zum Wachsen, das ist ja kein Gesangsverein oder Kegelclub, wo man sich zusammentut und loslegt. Dinge verändern sich, Neues entsteht, Mitglieder sterben, neue kommen hinzu. Die Frage ist aber trotzdem berechtigt, denn heute sind zehn Jahre relativ gesehen länger als früher. Insofern bin ich sehr dankbar, dass es uns nun schon ein Jahrzehnt als Gemeinschaft gibt.

Es gab anfangs auch Bedenken gegen eine neue evangelische Kommunität – haben sich die alle zerschlagen?
Der Heilsbronner Kirchenvorstand hat der Gründung des Konvents zwar zugestimmt, aber auch einige Bedingungen gestellt – die wir auch alle erfüllt haben! Der Konvent sollte etwa Männern und Frauen offenstehen. Ich hatte zuerst nur an Männer gedacht, bin aber aus heutiger Sicht froh, dass es anders gekommen ist. Die Schwierigkeit war: etwas Neues ins Leben zu rufen, ohne die guten vorhandenen Angebote damit infrage zu stellen.

Sie waren anfangs selbst skeptisch und haben gesagt: „Spielen wir da jetzt Mönch?“ Und, schon mal das Gefühl gehabt?
Nein, das hatte ich nicht. Wir sind uns bewusst, dass wir kein Kloster sind und sein können, wir leben „draußen“ in der Welt, sind teils auch verheiratet, viele haben weltliche Berufe, treffen uns maximal ein Mal pro Woche. Das ist mit dem echten Klosterleben nicht vergleichbar. Wir sind am ehesten eine Art Tertiär- oder Oblatengemeinschaft, nur haben wir eben keinen ersten Orden wie bei den Katholiken oder evangelischen Klöstern und Kommunitäten.

Der Klosterkonvent trifft sich jeden Freitag im Münster. Ist das gemeinsame Gebet schon mal ausgefallen?
Wir haben am 20. Oktober 2006 begonnen und es ist seither noch nie ausgefallen. Das ist ganz wichtig, wenn man nicht zusammen lebt und arbeitet wie im Kloster oder in einer Kommunität, dass man so einen Anker der Regelmäßigkeit, Verlässlichkeit und Stabilität hat – ohne so etwas ist ein spirituelles Leben nicht denkbar. Wenn jeder kommt und geht, wann er will, wenn Regen, Schneefall oder auch zu viel Arbeit einen ständig von der Teilnahme abhalten würden, würde das keinen Sinn machen! Wir treffen uns ja sogar Karfreitags – die einzige Ausnahme könnte sein, wenn Heiligabend auf einen Freitag fallen würde.

Anfangs war Ihre Kommunität sehr „pfarrerlastig“, wie schaut die Zusammensetzung heute aus?
Die, die inzwischen dazugekommen sind, sind keine Pfarrer. Und das ist auch gut so. In unserem Jubiläumsgottesdienst am Freitag werden wir eine Frau aus Würzburg aufnehmen, die Verkäuferin ist, ein anderer Interessent ist Logopäde. Natürlich ist es auch schön, wenn so einer Gemeinschaft auch Theologen und Pfarrer angehören – es besteht dann allerdings immer schnell die Gefahr, dass die in die Sprache Kanaans verfallen.

Werden Sie nicht von vielen Evangelischen eher mit Argwohn betrachtet oder gar als „katholisch“ geschmäht?
Das gab es und wird es wohl immer geben. Ich habe darauf immer zwei Antworten. Zum einen: Ja, wir sind katholisch, aber wir sind nicht römisch-katholisch. Katholisch bedeutet, dass wir zu der einen umfassenden Kirche gehören. Zum anderen: Ich glaube, dass durch die Reformation auch manche Frömmigkeitsform allmählich verloren gegangen ist, wie zum Beispiel die Tagzeitengebete – die wurden übrigens auch nach der Reformation in der Nürnberger St. Lorenzkirche noch lange weitergeführt! Solche Traditionen wieder aufzunehmen finde ich nicht verwerflich.

Die Mitglieder sollen Bibelstudium betreiben, Tageszeitengebete halten – klappt das im (Berufs-)Alltag überhaupt?
Das ist eine gute Frage, die aber jedes Mitglied für sich selbst beantworten muss! Ich weiß, dass manche Mitglieder des Konvents sich zu bestimmten Tageszeiten ihren Konventsschal umlegen und ihr Kreuz umhängen und dann beten. Ich kontrolliere das als Prior aber nicht, das geht mich nichts an. Selbst versuche ich das auch in meinen Tagesablauf einzubauen. Einmal pro Woche verschicke ich Gedanken zum Predigttext des vorangegangenen Sonntags – das geht an alle Konventsmitglieder, das ist auch so ein gedankliches Band, das uns alle miteinander verbindet.

Welche Rolle spielen evangelische Kommunitäten aus Ihrer Sicht heute in den evangelischen Kirchen?
Die Kommunitäten und Gemeinschaften sind mit Sicherheit Kristallisationspunkte für die Spiritualität vieler Christen. Ich frage zum Beispiel neue Interessenten für unseren Konvent immer, weshalb sie zu uns kommen wollen, was sie bei uns suchen. Die sagen dann oft: Ich bin zwar in meiner Kirchengemeinde sehr engagiert, aber ich finde dort für meine Seele nicht das, was ich spirituell brauche. Das gab’s in der Kirche ja immer, dass einige eine größere Verbindlichkeit im Glauben und in der Spiritualität haben wollten, als andere. Jeder so, wie er es mag!

Die Kirchen schrumpfen, die Kommunitäten und Gemeinschaften aber wachsen. Was kann die Kirchenleitung daraus lernen?
Ich denke schon, dass man von uns lernen kann. Das war auch immer mein Argument für solche Gemeinschaften. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass in der Kirche gut verwaltet und gut organisiert und gut mit dem Geld umgegangen wird. Die praktischen Dinge und Notwendigkeiten nehmen in unserer evangelischen Kirche oft viel Raum ein. Die Gefahr dabei ist aus meiner Sicht, dass alles schief wird, wenn nicht an erster Stelle die Frage steht: Was sagt das Evangelium, was sagt Gott? Daran wollen wir Kommunitäten und Gemeinschaften in aller Demut erinnern.

Sie sind Gründungsprior und als Regionalbischof seit einigen Jahren im Ruhestand. Wie lange bleiben Sie noch an der Spitze der Kommunität?
Ich werde nächstes Jahr 70 – das ist ein Alter, in dem man dann auch mal langsam mal aufhören können und Platz machen sollte. Aber es ist gar nicht so einfach, einen Nachfolger zu finden. Denn Prior des Konvents zu sein, das ist ein Ehrenamt, das viel Zeit beansprucht. Neben dem Berufsleben ist das schwierig – und auch im Ruhestand ist es oft stressig. Die Landeskirche und ich halten jedenfalls Ausschau, weil wir ja wollen, dass es gut weitergeht!

Herr Schmidt, bitte vervollständigen Sie den Satz: „Wenn ich mich mit den Konventsmitgliedern zur Vesper im Münster treffe…“
… dann ist das auch für mich eine ganz wichtige Oase in der Woche, wo ich zur Ruhe komme. Da gehören fünf Minuten Stille dazu – das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, in der Gemeinschaft zur Ruhe zu kommen, aufs Wort Gottes zu hören, zu beten, Kraft zu schöpfen.

13.11.2017 / epd/Daniel Staffen-Quandt


Quelle: www.heilsbronn-evangelisch.de/sites/www.heilsbronn-evangelisch.de/files/BPM%20165%20Home.pdf, abgerufen am 22.11.17:
 

Quelle: http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2011_08_01_01.htm, abgerufen am 22.11.17:
Sonntagsblatt 08/ vom

Im klösterlichen Rhythmus

Warum Evangelische Kommunitäten in Bayern eine hohe Anziehungskraft haben (1)

Von Daniel Staffen-Quandt

Sie sind keine Mönche oder Nonnen, aber sie leben zusammen in einer verbindlichen geistlichen Gemeinschaft: Rund 300 Frauen und Männer gehören in Bayern einer evangelischen Kommunität an. Wir stellen Ihnen in unserem Titelthema die Christusträger Bruderschaft Triefenstein, den Evangelischen Konvent Kloster Heilsbronn und die Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg vor.

Die Klosteranlage in Triefenstein (Landkreis Main-Spessart) wirkt liebevoll gepflegt: akkurat geschnittener Rasen von kleinen Buchsbaumhecken umgeben, hier und da einige knorrige Zierbäumchen. Man spürt regelrecht die jahrhundertealte Geschichte des einstigen Augustiner-Chorherren-Klosters. Nach der Säkularisation wurde es zivil und militärisch genutzt – seit 1986 ist es Hauptsitz der Christusträger Bruderschaft, der größten evangelischen Männergemeinschaft im deutschsprachigen Raum.

Bruder Christian Hauter steht in seiner braun-orangenen Strickjacke in der alten Klosterkirche. Viel Gold, viel Glanz, überaus prachtvoll, fast pompös und durch und durch katholisch wirkt die frühklassizistische Inneneinrichtung auf den Besucher. Noch größer könnte der Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart hier kaum sein: eine evangelische Kommunität in den alten Mauern eines katholischen Ordens. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten. Vielleicht sogar mehr als Unterschiede.

Auf den ersten Blick trennt die Christusträger jedenfalls einiges von den katholischen Augustinern. Die Brüder tragen keine Ordenstracht, sie sind in der Mehrzahl keine Theologen, sondern Mediziner oder Handwerker. Sie machen seit Bestehen der Bruderschaft erfolgreich Musik mit ihrer eigenen Rockband »ct & friends« und gelten seither durchaus als eine Art christlicher »Beatles«. Einziges sichtbares Zeichen der Bruderschaft ist eine metallene Kette mit Kreuz, die aber niemand tragen muss.

In vielen Regionen der Erde wäre dieses äußere Zeichen auch schlicht lebensgefährlich. »Seit unserer Entstehung Anfang der 1960er Jahre engagieren wir uns in verschiedenen Teilen der Erde für Menschen, die uns brauchen«, erklärt der 48-jährige Bruder Christian, der seit 2005 auch Prior der Gemeinschaft ist: »Die Liturgie ist für uns nicht das Wichtigste, sondern der Dienst am Menschen.« Anfangs waren die Christusträger in Pakistan und Vietnam im Einsatz, heute etwa in Afghanistan und im Kongo.

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist die Bruderschaft seit 1969 aktiv. »Damals gab’s da noch einen König«, sagt Prior Christian. Seither haben sich die Christusträger in ihrer Arbeit immer den wechselnden Umständen angepasst, auch wenn es bekennende Christen in Afghanistan heute alles andere als leicht haben. Auf der offenen Straße das Bruderschaftskreuz zu tragen, könnte tödlich enden. Unter anderem betreiben und finanzieren die Christusträger zwei Ambulanzkliniken in Kabul.

Im Kongo sind die Christusträger im Dorf Vanga, rund 350 Kilometer östlich der Hauptstadt Kinshasa aktiv. Sie arbeiten dort seit 1980 im kirchlichen Hospital mit, die Brüder haben die ärztliche Leitung der Kinderklinik inne. Einige Brüder sind schon seit Jahrzehnten im Ausland tätig, die meisten wechseln ihre Einsatzorte jedoch regelmäßig. Im sächsischen Wilsdruff betreibt die Bruderschaft zum Beispiel eine offene Stadtkommunität, die Brüder engagieren sich bei der Stiftung »Leben und Arbeit«.

Die Christusträger gelten als progressive Kommunität. Sie sind offiziell nicht Teil der bayerischen evangelischen Landeskirche, zufällig ist ihr Prior Christian aber evangelischer Pfarrer, wenngleich »außer Dienst«. Viele Brüder sind aber keine Lutheraner, sondern Reformierte. Jahrzehntelang lebte die Bruderschaft ohne festgeschriebene Regeln, erst 2004 wurde ihr »Konsens« erarbeitet. Auf diesen »gemeinsamen Grundlagen« fußt das Zusammenleben heute, erläutert Bruder Christian Hauter.

Die Brüder leben ehelos und zölibatär nach den sogenannten Evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die Mitglieder haben keinen Besitz, sie leben persönliche Armut. Auch wenn es im Kloster Triefenstein laut Prior Christian »sonntags kein geordnetes gottesdienstliches Leben gibt, weil wir die Gottesdienste in den umliegenden Gemeinden besuchen«, so folgt das Leben doch einem klösterlichen Rhythmus; mit Stundengebeten um 6 und 18 Uhr sowie dem gemeinsamen Mittagsgebet in der Kellerkapelle.

Hauter ist seit Januar 1991 Mitglied der Bruderschaft. Mitbruder Bodo ist schon wesentlich länger dabei, nämlich von Anfang an. Mit damals 17 Jahren bekam er die Anfänge der Bruderschaft in den 1960er-Jahren hautnah mit. »Bis dahin hatte ich mit Kirche und Jesus nichts am Hut«, erinnert er sich. Doch der »Jugendkreis« in Südhessen, aus dem die heutige Bruderschaft erwuchs, weckte mit dem Dreiklang »Jazz, Jugend, Jesus« sein Interesse am Christsein.

»Mit 19 dachte ich: Das mache ich mal vier, fünf Jahre«, erinnert sich Bodo. Mittlerweile sind fast 50 Jahre daraus geworden. In dieser Zeit hat sich die Gemeinschaft auch gewandelt. Die beiden Standbeine sind zwar nach wie vor die Auslandsarbeit und die Inlandsmission. Die Brüder arbeiten heute aber nicht mehr wie früher außerhalb der Bruderschaft, sondern für sie. Etwa in den Triefensteiner Gästehäusern, der Haupteinnahmequelle der Brüder. Um ihre vielen Sozialprojekte zu finanzieren, sind die Brüder aber auch auf Spenden angewiesen.

Spiritualität im »Evangelischen Konvent Kloster Heilsbronn«

Die jüngste Pflanze im Reigen der Geistlichen Gemeinschaften in Bayern ist der »Evangelische Konvent Kloster Heilsbronn« (EKKH). Ende November 2007 gründeten 23 Männer und Frauen den EKKH und ließen eine jahrhundertealte Klostertradition auf neue Art aufleben. Anfangs, erinnert sich Christian Schmidt, sei er ein bisschen skeptisch gewesen: »Spielen wir da jetzt Mönch?« Doch beim heutigen Regionalbischof des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg wich die Skepsis der Begeisterung. Evangelische Spiritualität leben, sie in den Alltag mitnehmen, das ist das erklärte Ziel des Konvents.

Freitag, ein Winternachmittag, kurz nach 17 Uhr. Es ist schon dunkel, das Heilsbronner Münster in Denkmalscheinwerferlicht getaucht. Regionalbischof Schmidt, der sozusagen im Ehrenamt Prior des EKKH ist, schließt das mächtige Hauptportal auf, die Luft im Inneren der romanischen Kirche ist kühler als draußen. Im Chorraum stehen sich Stuhlreihen gegenüber, es brennen ein paar Lampen, der Rest des Münsters liegt in Dunkelheit. Nach und nach füllen sich die Stuhlreihen, Männer und Frauen, alle ungefähr zwischen 35 und 65 Jahre alt. Jeder trägt einen weißen Schal um den Hals wie eine Stola. Punkt 17.30 Uhr beginnen die Mitglieder des Münsterkonvents ihre Vesper.

Es ist eine Besonderheit des EKKH, dass er aus zwei Konventen besteht. Jedes Mitglied ist nur einem der beiden Konvente zugeordnet. Der Münsterkonvent ist vor allem für Menschen aus Heilsbronn und der näheren Umgebung gedacht. Die Mitglieder treffen sich jeden Freitag um 17.30 Uhr zur Vesper im Münster, einmal im Monat essen sie danach gemeinsam zu Abend, führen ein geistliches Gespräch und beten schließlich das klösterliche Nachtgebet, die Komplet.

Der andere Teil des EKKH besteht aus dem Klosterkonvent, der zwölf Tage pro Jahr – aufgeteilt auf vier Blöcke – in Heilsbronn zusammenkommt. Zwei Wochenenden im Jahr tagen Münsterkonvent und Klosterkonvent zusammen und auch sonst besteht eine große Offenheit hin und her.

Entstanden ist die Idee zur Wiederbelebung zisterziensischer Traditionen nicht erst vor wenigen Jahren. Der einstige Heilsbronner Gemeindepfarrer Paul Geißendörfer hatte bereits vor mehreren Jahrzehnten damit begonnen, die evangelischen Pfarrer einzuladen, deren Kirche Teil eines ehemaligen Zisterzienserklosters war. »Aus dem zunächst losen Treffen wurde die Gemeinschaft der evangelischen Zisterziensererben«, erzählt Schmidt. Doch eine geistliche Gemeinschaft, eine Communität, wollte Geißendörfer trotz einzelner Vorstöße nicht gründen. Doch der Wunsch ging nicht verloren, er schlummerte nur. Einen wichtigen Impuls gab dann eine Denkschrift, die auf Anregung des damaligen Ansbacher Regionalbischofs Helmut Völkel geschrieben wurde.

Im Oktober 2006 organisierte der »harte Kern« um den heutigen Regionalbischof und damaligen Nürnberger Dekan Christian Schmidt erste Meditationskurse in Heilsbronn. Die Gemeinschaft wuchs schnell, das Interesse an einer festen Bindung auch. Im November 2007 wurde der Konvent schließlich mit dem Segen der evangelischen Landeskirche gegründet. Ein Jahr später – nach einer Art Noviziat – verpflichteten sich die ersten Mitglieder auf Lebenszeit für den EKKH. »Das heißt: häusliches Bibelstudium, Tageszeitengebete, Teilnahme an unseren Veranstaltungen und ein Leben unter Führung des Evangeliums«, sagt Schmidt. Ehelos oder keusch muss beim EKKH hingegen – anders als in anderen Communitäten – niemand leben.

Ein Großteil der EKKH-Mitglieder hat ein theologisches Fundament, viele sind oder waren Pfarrer. »Im Moment sind wir noch ‚pfarrerlastig’«, sagt Prior Schmidt, aber grundsätzlich stehe der Konvent jedem offen. Mit einer Einschränkung: Das Eintrittsalter muss unter 70 Jahren liegen. So gehören auch eine Lehrerin, ein altkatholischer Priester und eine Wirtschaftsleiterin zum Mitgliedskreis. Derzeit gebe es mehrere Postulanten (Interessierte) und Novizen (Probemitglieder auf Zeit), berichtet der Prior, die Gemeinschaft wachse, wenn auch moderat. Stolz ist Schmidt darauf, dass die Vesper seit der Gründung noch nie ausgefallen ist. Sein Ziel: »Ein tägliches Tagzeitengebet oder eine Andacht im Münster.«

Bis dahin wird es noch einige Zeit dauern. Was wohl auch an der Struktur des Konvents liegt – nämlich daran, dass die Mitglieder ihr privates Umfeld nicht verlassen und sich nicht hinter Klostermauren zurückziehen. Jeder geht, sofern nicht schon im Rentenalter, weiter seiner Arbeit nach. »Ganz nach dem Grundsatz: ora et labora (Bete und Arbeite)!«, sagt Schmidt: »Beten ist gut, aber praktisches Handeln braucht´s auch.« Der EKKH versteht sich als Botschafter des evangelischen Christ-Seins. Seine Mitglieder »tanken« in der Gemeinschaft auf – und zehren dort vom Erlebten, ohne dabei missionieren zu wollen.

Dieses »Auftanken« und die gelebte Gemeinschaft waren auch für den heute 71-jährigen Herbert Reber die wichtigsten Gründe, um dem EKKH beizutreten. Einst war er Pfarrer in Bayreuth und Fürth sowie Dekan in Dinkelsbühl; im Ruhestand zog er nach Heilsbronn – auch, weil er, seine Frau und seine Tochter im Konvent eine »innere geistliche Heimat« gefunden haben. Schon in seiner Kindheit habe er viel Kontakt zu Ordensleuten gehabt, etwa als Lehrer in der Schule, erinnert er sich. Reber ist Mitglied im Münsterkonvent, er kommt zu jeder Vesper, wenn er nicht verhindert ist: »Das ist ein schöner Kreis. Das ist kein Muss, es ist eine Freude.«

Die Magie des Schwanbergs

Eine vergleichsweise längere Tradition evangelischer Spiritualität kann die Communität Casteller Ring (CCR) auf dem unterfränkischen Schwanberg vorweisen. Hervorgegangen ist die Gemeinschaft kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Bund Christlicher Pfadfinderinnen. Kathrin-Susanne Schulz ist seit vier Jahren in der Communität. Als sie noch in Nürnberg Religionspädagogik studierte, hatte sie sich während einer Vorlesung selbst gefragt, ob sie abends mal eben so zum Gottesdienst auf den Schwanberg fahren soll, erinnert sich die heute 42-Jährige. Inzwischen heißt sie Schwester Kathrin-Susanne Schulz.

Die Aufnahme in die Ordensgemeinschaft erfolgt schrittweise, niemand muss sofort für immer bleiben. Zunächst durchläuft jede Anwärterin ein halbes Jahr Postulat, anschließend jeweils zwei Jahre Noviziat und zeitliche Profess, bevor sie sich mit der ewigen Profess ein Leben lang an die Communität bindet.

»Ich habe mich damals gefragt: Was ist es, dass dich auf den Schwanberg zieht«, erinnert sich die Religionspädagogin: »Ja, es waren sicher auch die Schwestern – aber nicht nur. Es war auch die Art, wie Glauben in der Communität gelebt wird, es war der spirituelle Rhythmus, den man durch die vier Stundengebete bekommt«. Schwester Kathrin-Susanne ist derzeit in zeitlicher Profess, also nur noch einen Schritt von dem Versprechen entfernt, für immer in der Communität zu bleiben.

Die Schwestern vom Schwanberg kennt die gebürtige Oberfränkin schon seit dem 15. Lebensjahr, als sie ihre ersten Bibeltage dort erlebte. »Ich fand das schon damals irgendwie spannend«, sagt sie. Schwester wollte sie damals noch nicht werden, »sondern Pfarrerin«, erzählt sie. Doch ihre ganze Schul- und Studienzeit über zog es Kathrin-Susanne Schulz immer wieder auf den Schwanberg.

Die Religionspädagogin studierte damals zunächst Theologie, scheiterte jedoch zwei Mal am ersten kirchlichen Examen. »Ich hatte damals – ehrlich gesagt – keinen Plan B, weil ich ja unbedingt Pfarrerin werden wollte«, erinnert sie sich. Über eine Station im Ausland und ihr Religionspädagogik-Studium in Nürnberg fand sie dann zurück auf den Schwanberg. 2007 trat die heute 42-Jährige dann ein. Seit einem Jahr leitet sie als Jugendreferentin den »Jugendhof«, das Schullandheim am Schwanberg. Ein Vollzeitjob, eingebettet in den Rhythmus der Communität.

6.30 Uhr gemeinsames Morgengebet in der St. Michaelskirche, davor oder danach Frühstück, bis 8 Uhr herrscht Schweigezeit. Um kurz nach 12 Uhr treffen sich alle zum Mittagsgebet, anschließend wird gemeinsam gegessen. Ab 18 Uhr folgen Abendgebet und -essen in Tischgruppen, um 20 Uhr gibt es ein gemeinsames Nachtgebet, danach wird bis morgens geschwiegen. Drei Mal die Woche finden gemeinsame Gottesdienste statt.

Die Communität lebt nach der Regel des Benedikt. Anfangs wurden die Schwestern von vielen Evangelischen als »katholisch« verspottet. Nicht nur, weil sie der Benediktsregel folgen, sondern auch, weil sie sich bekreuzigen und vor dem Kreuz verneigen. »Das hat aber doch nichts mit katholisch oder evangelisch zu tun«, findet Schwester Kathrin-Susanne. Die Benediktsregel stammt aus dem 6. Jahrhundert, »da war ja noch nicht einmal die erste Kirchenspaltung aktuell«.

Natürlich ist das Leben in einer Gemeinschaft nicht nur Sonnenschein. »Ich habe eine sehr große Familie, wir sind 39 Schwestern zwischen 35 und 89 Jahren, da gibt es auch mal Reibung«, sagt Schwester Kathrin-Susanne. Doch gerade dann helfen auch die festen, für Außenstehende auch manchmal starr wirkenden Regeln der CCR.

Regeln, Rhythmus, Ordnung. Dazu gehören auch die drei Evangelischen Räte Keuschheit, Armut (Gütergemeinschaft) und Gehorsam. Sie gehören zur Communität auf dem Schwanberg, sind das Gerüst dieser Lebensform, aber nicht ihr Fundament. Das ist der Glaube. Und der kann verblüffendes bei Menschen bewirken, findet Schwester Kathrin-Susanne. »Ich bin eigentlich ein Langschläfer, daher bin ich immer noch erstaunt, dass Gott mir eine Frühaufsteher-Communität ausgesucht hat.

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