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20Nov/17

Der Beitrag der geistlichen Gemeinschaften für die Zukunft der Kirche

Statement aus Sicht der Communität Christusbruderschaft Selbitz(CCB) und der Tertiärgemeinschaft(TG) der CCB beim Treffen des Evangelischen Konvents Kloster Heilsbronn  am 18.11.2017 von Dr. Manfred Kießig

1. Der ekklesiale Status Geistlicher Gemeinschaften

Der Begriff »Geistliche Gemeinschaften« umgreift unterschiedliche Formen von gemeinsamem geistlichen Leben:

– Kommunitäten(Ordensgemeinschaften), die gemäß den Evangelischen Räten auf Dauer zusammenleben;

– Bruder-und Schwesternschaften, deren Mitglieder in ihren bisherigen Bezügen von Familie und Beruf bleiben, nach einer verbindlichen Regel leben und regelmäßig zu geistlichen Übungen zusammenkommen;

– Mischformen, die sowohl zölibatäre Mitglieder als auch Familien umfassen.

Die Selbstbezeichnungen sind aus der Entstehungszeit zu erklären und bringen die Struktur nicht immer zum Ausdruck.

Nachdem die Bischofskonferenz der VELKD bereits 1976 »kommunitäres Leben… als eine Kraft zur kirchlichen Erneuerung« anerkannt hatte, hat der Rat der EKD  in seinem Votum »Verbindlich Leben« von 2007 den Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften einen ekklesiologischen Ort zugewiesen: Sie sind eine der vier Sozialgestalten der Kirche: universale Kirche, partikulare  Kirche, Ortsgemeinde, Orden bzw. Geistliche Gemeinschaften. Diese vier Sozialgestalten von Kirche sind im Sinne gegenseitiger Ergänzung und Korrektur aufeinander bezogen und aufeinander angewiesen. Im Blick auf die Ordens- kritik der Reformation stellt dies einen Paradigmenwechsel dar.

2. Der Beitrag der Geistlichen Gemeinschaften für die Zukunft der Kirche

1) In einer Zeit von Säkularisierung einerseits und spiritueller Suche andererseits können Geistliche Gemeinschaften Räume für Gotteserfahrungen öffnen. Durch ihre Existenz weisen sie auf den Vorrang der Gottesbeziehung vor allen anderen Aktivitäten hin. In diesem Sinne heißt es in der Regel der Christusbruderschaft Selbitz und damit auch der Tertiärgemeinschaft: »Du bist berufen, mit deinen Schwestern und Brüdern Wohnort der Liebe Gottes in dieser Welt zu sein: Ihr seid Hütte Gottes bei den Menschen«.

2) Das regelmäßige Gebet in unterschiedlichen Formen – geprägt und frei -, die häufige und sorgfältig gestaltete Feier des heiligen Abendmahls, der Eucharistie, Zeiten der Stille, Impulse zu Meditation und Kontemplation geben dem Glauben eine Gestalt und eröffnen Räume, in denen sich die Begegnung mit Gott ereignen kann. Dadurch leisten die Geistlichen Gemeinschaften einen wichtigen Beitrag zur Spiritualität der evangelischen Kirche.

3) In geistlichen Gemeinschaften haben sich Formen der Entscheidungsfindung entwickelt, bei denen das Hören auf eigene innere Impulse, auf den anderen und auf Gott sowie die Unterscheidung der Geister eine wichtige Rolle spielen. Die Entscheidung geschieht in einem Prozess und zielt auf den magnus consensus unter Einbeziehung der Minderheit und nicht bloß auf eine – vielleicht knappe – Mehrheit. Dies könnte ein Beitrag sein, auf konstruktive Weise mit Konflikten umzugehen – sowohl für die Kirche als auch für die Gesellschaft.

4) Geistliche Gemeinschaften sind Orte, an denen Menschen Seelsorge erfahren und in der Beichte die Last ihrer Schuld ablegen können.  Dadurch leisten sie einen Beitrag, sich mit Schuld konstruktiv auseinanderzusetzen und frei für die Zukunft zu werden. Die CCB hat einen Kurs Geistliche Begleitung entwickelt, den sie mittlerweile auch im Auftrag der bayerischen Landeskirche durchführt. Dabei werden Menschen ausgebildet, um andere geistlich zu begleiten. Die CCB und die TG sehen für sich einen wichtigen Auftrag darin, »die Welt segnend in Gottes Herz zu legen« und haben dafür unterschiedliche Formen von Segnungen entwickelt, zum Beispiel in Segnungsgottesdiensten, im Rahmen der Seelsorge und bei Exerzitien.

5) In einer Zeit von Individualisierung einerseits und der Sehnsucht nach Gemeinschaft andererseits sind Geistliche Gemeinschaften Beispiele dafür, wie eine Regel dem Zusammenleben eine Gestalt gibt und dabei Verbindlichkeit und Achtung der Persönlichkeit miteinander verbindet. Auf diese Weise wird die Alternative zwischen Individualismus und Kollektivismus überwunden. Um diese Erfahrung zu machen, geben viele Kommunitäten Gästen die Möglichkeit, für eine Zeit lang im Kloster mitzuleben (Kloster auf Zeit), und bieten in ihren Gästehäusern Einkehrzeiten, Exerzitien und Tagungen an.

6) In der gemeinsamen Ausrichtung auf Gott im Gebet kann eine Atmosphäre entstehen, in der ich Christus im anderen erkenne. So kann in einer verbindlich gelebten Gemeinschaft die Bereitschaft wachsen, die Vielfalt der unterschiedlichen Persönlichkeiten, Lebenswege und Meinungen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu erfahren. Dadurch wird ein Denken in Schubladen überwunden (konservativ – liberal, hochkirchlich – pietistisch), und dies kann sich positiv auf Kirche und Gesellschaft auswirken.

7) Viele Geistliche Gemeinschaften haben eine Sehnsucht nach der Einheit des Leibes Christi und wissen sich damit der Ökumene verpflichtet. Für die CCB und die TG drückt sich dies in dem Wort aus: »Wisset, ihr seid eins.« Aus dieser Sehnsucht heraus sind Netzwerke entstanden, in denen sich Vertreter Geistlicher Gemeinschaften aus unterschiedlichen Konfessionen zusammenfinden: evangelisch, katholisch, orthodox, anglikanisch, freikirchlich. Beispiele hierfür sind das »Treffen von Verantwortlichen«, daraus hervorgegangen das »Miteinander für Europa« mit lokalen Entsprechungen und »Church and Peace«, ein Netzwerk, das sich besonders dem Thema Frieden und der gewaltfreien Lösung von Konflikten widmet. Im Miteinander unterschiedlicher Gemeinschaften und Bewegungen ist es zu einer »Versöhnten Verschiedenheit« gekommen, bei der es nicht mehr um  dogmatisches Rechtbehalten geht, sondern darum, die Besonderheit der anderen als Gaben für die gesamte Christenheit zu erkennen und zu achten.

Durch Begegnungen mit kirchenleitenden Persönlichkeiten wurde es möglich, solche Erfahrungen von Versöhnung in die offizielle kirchliche Ebene hinein zu kommunizieren und dadurch das gemeinsame Reformationsgedenken vorzubereiten. In diesem Sinne haben Geistliche Gemeinschaften einen Beitrag dazu geleistet, dass das Jahr 2017 als ökumenisches Christus- Fest mit Versöhnungsgottesdiensten gefeiert werden konnte. Das Miteinander Geistlicher Gemeinschaften ist ein Ort der Einübung von Versöhnung und damit so etwas wie ein Laboratorium der Ökumene; denn nur eine versöhnte Kirche kann einen glaubwürdigen Beitrag zur Versöhnung in der Welt leisten.

 

Leipzig, 16.11.2017                                                                         Dr. Manfred Kießig